Ein Stück Draht, ein Nagel, eine Batterie – und plötzlich zieht das Ding Büroklammern an. Elektromagnete gehören zu den faszinierendsten Experimenten, die man in der Schule macht. Aber was passiert da eigentlich genau? Und warum steckt dasselbe Prinzip in jedem Elektromotor, jedem Lautsprecher und jedem MRT-Gerät? Hier ist die Erklärung – von Grund auf.
Was ist ein Elektromagnet?
Ein Elektromagnet ist ein Magnet, dessen Magnetismus durch elektrischen Strom erzeugt wird. Im Gegensatz zu einem Dauermagneten – der immer magnetisch ist – kann man einen Elektromagneten ein- und ausschalten: Strom an, Magnet aktiv. Strom aus, Magnet weg.
Das klingt simpel. Aber dahinter steckt eines der elegantesten Prinzipien der Physik: Elektrizität und Magnetismus sind zwei Seiten derselben Medaille. Jeder fließende Strom erzeugt ein Magnetfeld – immer, überall, ohne Ausnahme.

Woher kommt das Magnetfeld?
Schritt 1: Bewegte Ladungen erzeugen Magnetfelder
Elektrischer Strom ist nichts anderes als bewegte elektrische Ladungen – meistens Elektronen, die durch einen Leiter fließen. Und bewegte Ladungen erzeugen immer ein Magnetfeld um sich herum. Das ist ein Naturgesetz, kein Trick.
Um einen einzelnen geraden Draht, durch den Strom fließt, bildet sich ein kreisförmiges Magnetfeld. Mit der Rechte-Hand-Regel lässt sich die Richtung bestimmen: Zeigt der Daumen der rechten Hand in Stromrichtung, geben die gekrümmten Finger die Richtung des Magnetfelds an.
💡 Merksatz: Strom fließt → Magnetfeld entsteht. Kein Strom → kein Magnetfeld.
Schritt 2: Die Spule verstärkt das Magnetfeld
Ein einzelner Draht erzeugt nur ein schwaches Magnetfeld. Was passiert, wenn man ihn aufwickelt? Die Magnetfelder der einzelnen Windungen überlagern und addieren sich – das Gesamtfeld wird viel stärker. Eine Drahtspule (Solenoid) verhält sich dann fast wie ein Stabmagnet: Sie hat einen Nordpol und einen Südpol, und das Feld verläuft geradlinig durch die Mitte.
Je mehr Windungen, desto stärker das Feld. Je höher der Strom, desto stärker das Feld.
Schritt 3: Der Eisenkern macht ihn richtig stark
Steckt man einen Eisenkern in die Spule, passiert etwas Entscheidendes: Das Eisen ist ein ferromagnetisches Material. Seine inneren magnetischen Bereiche – sogenannte Weiss’sche Bezirke – sind zufällig ausgerichtet und heben sich gegenseitig auf. Sobald das externe Magnetfeld der Spule einwirkt, richten sich diese Bezirke aus und verstärken das Magnetfeld um ein Vielfaches – oft um den Faktor 1.000 oder mehr.
Deshalb sind Elektromagnete mit Eisenkern so viel mächtiger als einfache Spulen.
Die Formel – für die Oberstufe
Die magnetische Feldstärke im Innern einer Spule lässt sich berechnen:
B = μ₀ · μᵣ · (N / l) · I
B = magnetische Flussdichte (in Tesla, T)
μ₀ = magnetische Feldkonstante (4π × 10⁻⁷ T·m/A)
μᵣ = relative Permeabilität des Kernmaterials (Eisen: ~1.000–10.000)
N = Anzahl der Windungen
l = Länge der Spule (in Metern)
I = Stromstärke (in Ampere)
Was die Formel zeigt: Mehr Windungen, mehr Strom, besseres Kernmaterial – stärkerer Magnet. Ganz einfach.
Wie baut man einen Elektromagneten?
Das klassische Schulexperiment – und es funktioniert wirklich:
- Einen langen, isolierten Kupferdraht (ca. 1–2 m) eng und gleichmäßig um einen Eisennagel wickeln – möglichst viele Windungen, möglichst dicht
- Die freien Drahtenden mit einer 9V-Batterie oder einem Akku verbinden
- Strom fließt, Magnetfeld entsteht – der Nagel wird zum Magneten
Achtung: Der Draht kann warm werden. Den Stromkreis nicht dauerhaft geschlossen lassen, da die Batterie sich schnell entlädt und der Draht sich erhitzt. Nur kurz testen, dann wieder trennen.
Mit mehr Windungen und einem stärkeren Akku kann ein solcher Heimelektromagnet erstaunlich viele Büroklammern heben – manchmal 20 oder mehr.
Elektromagnete in der Praxis – stecken überall drin

🔊 Lautsprecher
Ein Lautsprecher besteht aus einem Dauermagneten und einer beweglichen Spule (Schwingspule). Wenn Audiosignale als Wechselstrom durch die Schwingspule fließen, wechselt deren Magnetfeld ständig die Richtung – es wird abwechselnd angezogen und abgestoßen. Diese schnellen Bewegungen versetzt die Membran in Schwingungen, die wir als Schall wahrnehmen. Kein Elektromagnet, kein Ton.
⚡ Elektromotoren
Jeder Elektromotor – in Waschmaschinen, Elektroautos, Ventilatoren oder Bohrmaschinen – nutzt die Wechselwirkung zwischen Elektromagneten und Dauermagneten (oder mehreren Elektromagneten), um eine Drehbewegung zu erzeugen. Durch gezieltes Ein- und Ausschalten der Spulen dreht sich der Rotor. Das Grundprinzip stammt direkt aus Michael Faradays Experimenten im 19. Jahrhundert.
🏥 MRT – Magnetresonanztomographie
Ein MRT-Gerät enthält einen der stärksten Elektromagnete, die je für medizinische Zwecke gebaut wurden – erzeugt durch supraleitende Spulen, die bei fast absolutem Nullpunkt (-269 °C) betrieben werden. Das Magnetfeld ist 30.000- bis 60.000-mal stärker als das Erdmagnetfeld. Es richtet die Wasserstoffatome im Körper aus und ermöglicht so hochauflösende Bilder des Körperinneren – ohne Röntgenstrahlung.
🚄 Magnetschwebebahn (Maglev)
Magnetschwebebahnen wie der Transrapid oder japanische Maglev-Züge schweben ohne Kontakt zu den Schienen – getragen und angetrieben ausschließlich durch Elektromagnete. Durch präzise gesteuerte Magnetfelder wird der Zug gehoben, beschleunigt und gebremst. In Japan hat ein Maglev-Testzug eine Geschwindigkeit von 603 km/h erreicht – Weltrekord.

🏗️ Elektromagnetische Kräne
In Schrottplätzen und Stahlwerken heben große Elektromagnete tonnenschwere Metallteile – und lassen sie durch simples Abschalten des Stroms fallen. Kein mechanischer Greifer nötig, keine beweglichen Teile. Einfach, robust, effektiv.
💳 Datenspeicherung und Magnetkarten
Festplatten, Bankkarten mit Magnetstreifen und frühere Kassetten und Disketten speichern Daten, indem winzige magnetische Bereiche auf einem Träger ausgerichtet werden – mithilfe von Elektromagneten. Der Magnetstreifen auf deiner EC-Karte enthält eine Abfolge solcher ausgerichteter Bereiche, die Daten codieren.
Elektromagnet vs. Dauermagnet – was ist der Unterschied?
| Eigenschaft | Elektromagnet | Dauermagnet |
|---|---|---|
| Magnetismus | Nur bei Stromfluss | Immer aktiv |
| Stärke | Regelbar (Strom, Windungen) | Fest vorgegeben |
| Ein-/Ausschalten | Ja | Nein |
| Material | Spule + Kern | Ferrit, Neodym, Alnico |
| Anwendung | Motor, MRT, Kran, Lautsprecher | Kühlschrankmagnet, Kompass |
Schnell zusammengefasst
- Fließender Strom erzeugt immer ein Magnetfeld
- Eine Spule bündelt und verstärkt dieses Feld
- Ein Eisenkern verstärkt das Feld nochmals um ein Vielfaches
- Mehr Windungen + mehr Strom + besserer Kern = stärkerer Elektromagnet
- Strom aus = Magnetismus weg – das ist der entscheidende Vorteil gegenüber Dauermagneten
Fazit: Einfach, elegant, unverzichtbar
Der Elektromagnet ist eines der grundlegendsten und gleichzeitig nützlichsten Prinzipien der Physik. Was in der Schule als Experiment mit Nagel und Batterie beginnt, steckt am Ende in jedem Motor, jedem Lautsprecher, jedem Krankenhaus-Scanner und jedem Schnellzug der Welt. Wer versteht, wie ein Elektromagnet funktioniert, versteht ein Stück weit, wie die moderne Welt angetrieben wird.
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